Über mich

Ich bin Journalistin, Ethnologin, Kitesurferin und Reisende. Verliebt in Griechenland, seine Häuser, Menschen und Kultur. Immer auf den Spuren der antiken Göttinnen, auf der Suche nach Wind und einer kleinen Taverne am Strand. Und einer Sehnsucht nach dem Meer im Herzen. 

 

Read More

 

  • White Facebook Icon
Newsletter abonnieren

© 2023 by Going Places. Proudly created with Wix.com

Suche
  • Sigi Weiss

Die große Göttin Demeter

Aktualisiert: 25. Okt 2019

Wenn die Natur, so wie jetzt, ihre größte Fülle zeigt, dann ist die Zeit der großen Mutter Demeter. Die kleinasiatisch-griechische Muttergöttin wurde oft mit Kornähren abgebildet, aber auch Mohnblumen, Blumen, Samen und Früchte, ein Schwein und Delphin als Begleiter und Bienen gehören zu ihrem Reich. Auch eine goldene Sichel und eine Fackel zählen zu ihren Insignien. Sie steht wie keine andere für die Fülle und den Überfluss der Mutter Erde. Doch sie ist auch die Begründerin der wichtigsten antiken Mysterien und Gestalterin des Staatswesens.



Demeter und Persephone

Der Mythos der Demeter ist eng mit ihrer Tochter Kore/Persephone und ihrem Aufenthalt in der Unterwelt bei Hades verbunden.


Die antiken Autoren berichten, dass Demeter eine wunderschöne Tochter hatte, unter deren Füßen die Blumen erblühten. (In der ältesten Version, dem Chorlied der Helena von Euripides um 412 v. Ch. wird noch die kleinasiatische Muttergöttin Kybele als Mutter der Kore genannt). Hades, der Herrscher der Unterwelt und Bruder des Zeus verliebte sich in das Mädchen. Ihm war wohl klar, dass die jugendliche Göttin nicht freiwillig in sein dunkles Reich mitkommen würde. Und so stellte er ihr eine Falle in Form wunderschön blühende Narzissen. Als Kore diese berühren wollte, tat sich die Erde auf und Hades entführte die Angebetete in seinem goldenen Wagen.


Als Demeter ihre Tochter vermisste, begann sie eine rasende Suche. Neun Tage dauerte die Suche, während der sie weder Nektar noch Ambrosia zu sich nahm. In ihrem Zorn und Kummer untersagte sie den Pflanzen zu wachsen, den Tieren trächtig zu werden und befahl den Vögeln, tot vom Baum zu fallen. Die Erde wurde unfruchtbar und die Menschen drohten zu verhungern. Das machte die olympischen Götter – die der Entführung der Persephone bis dahin gleichgültig gegenüberstanden – doch nervös. Denn sie mochten die Verehrung der Menschen.


Also sandten sie den Götterboten Hermes in Hades Höhle um über die Herausgabe der Kore, die nun in ihrer verwandelten Gestalt als Königin der Toten Persephone genannt wurde, zu verhandeln. Hades willigte ein, Persephone ziehen zu lassen. Doch diese hatte sich bereits auf immer mit der Unterwelt verbunden, indem sie drei, manchmal auch sechs oder neun (alles heilige Zahlen der Göttin) Samen eines Granatapfels, der Speise der Toten, gegessen hatte. Und so kam es dazu, dass Persephone ein Drittel des Jahres bei Hades in der Unterwelt verweilen musste und den Rest des Jahres bei ihrer Mutter Demeter auf der Erde leben konnte.



In einigen Mythenversionen kommt noch eine dritte Göttinnen-Gestalt prominent ins Spiel – Hekate. Sie ist eine Zauberin, die Hüterin der Schwellen und Wegkreuzungen und der Kommunikation mit den Geistern und Toten fähig. Beide – Demeter und Hekate – trugen eine Fackel, als sie sich trafen, und Hekate gab Demeter den entscheidenden Hinweis, wo ihre Tochter geblieben sei. Diese Göttin der Dunkelheit hat in der Unterwelt ihr eignes Reich, ein lichtvolleres als Hades. Sie ist es, die Persephone wieder ans Licht geleitet. Und dort liegt auch die Bedeutung des Mythos.


Die dreifache, zyklische Göttin

Denn er beschreibt natürlich die Zyklen der Natur und den Wechsel der Jahreszeiten. Etwas, mit dem die Menschen viel enger verbunden waren, solange sie tatsächlich von der Erde und den Tieren lebten, in ihrem Alltag den Elementen ausgesetzt waren. Die Zyklen der Jahreszeit waren profan und heilig zugleich und wurden mit Ritualen und Festen begleitet, wie es der Demeter-Zyklus wunderbar veranschaulicht.



Doch der Mythos um Demeter und Kore verkörpert auch Tod, Leben und Wiedergeburt, wie der Samen, der im Dunkel der Erde liegt und dessen Leben dort wurzelt. Und er beschreibt Seelenwege. Persephone erzählt davon, dass man sich nicht davor scheuen soll, die seelischen Abgründe zu durchschreiten, seine Dunkelheit und Ängste anzusehen. Persephone weiß darum, dass jeder Samen in der Dunkelheit keimt und auch dort Wurzeln schlägt. Und Hekate ist die Magierin, die die Fackel in der Abgründigkeit entzünden kann und das Licht zurückbringt.


Demeter ist also die Große Göttin, die Muttergöttin schlechthin und so erscheint sie zugleich als Göttin in klassischer dreifacher Gestalt, wie dies in vielen Kulturen zu beobachten ist. Als Kore (Mädchen) Persephone (Frau) und Hekate (weise Alte) verkörpert Demeter auch die Zyklen des weiblichen Lebens, die Zyklen der Menstruation und Fruchtbarkeit und die dreifache Mondphase.


Die eleusinischen Mysterien

Demeter ist die Regentin der wichtigsten Geheimkultes Griechenlands, der eleusinischen Mysterien, die über fast zweitausend Jahre jährlich inszeniert wurden. Ein zweiter Strang der Demeter-Erzählung begründet diesen heiligen Ort und die geheime Einweihung, die dort stattfand.


Während ihrer verheerenden Suche nach Kore/Persephone gelangt Demeter nach Eleusis und lässt sich unter einem Olivenbaum am Jungfrauenbrunnen nieder. Den Göttern zürnend erscheint sie als alte Frau getarnt.


Dort wird sie von den Töchtern des Königs Keleos gefunden, Kallidike, Kleisidike, Demo und Kallithoe. Sie nahmen die alte Frau mit, wo sie auch von ihrer Mutter Metaneira freundlich empfangen wurde. Doch in ihrer Trauer konnte nur die Göttin Iambe (auch Baubo) sie durch obszöne Scherze zum Lachen bringen. Sie bricht ihr Fasten, doch nicht mit Wein. (Hier zeigt sich eine interessante Verbindung, denn Dionysos der Gott des Weines, der Ekstase und der berauschenden Feste wird auch mit Hades, dem Entführer ihrer Tochter gleichgesetzt). Sie verlangt nach einem Trank aus Gerste, Wasser und Poleiminze. Oft wird vermutet, dass es sich um ein berauschendes Getränk gehandelt hat, Mutterkorn oder Mohnblumen könnten für einen ekstatischen Zustand gesorgt haben. Sie nahm sich des kleinen Sohnes der Königsfamilie an und wollte diesen über dem Feuer unsterblich machen. Als die Mutter des Jungen dies sah, musste Demeter ihre göttliche Natur offenbaren. Sie verlangte, dass ihr ein Tempel in Eleusis gestiftet wird. Bei der Gründung der Mysterien wurde König Keleos der erste Hohepriester. Sein Sohn Triptolemos erhielt von Demeter das Wissen um die Landwirtschaft, das er die Menschen lehrte.


Zweitausend Jahre Kult für Demeter

Die eleusinischen Mysterien waren Initiations- und Weiheriten, deren Offenbarung streng geheim war. Zugrunde liegt der Demeter bzw. Kore/Persephone/Hekate-Zyklus, also die Transformation der Göttin von der jungfräulichen Frühlingsgöttin, über die reife Frau bis zur Herrscherin der Unterwelt und der Samen (Erkenntnis), die sie dort gewonnen hat und die ihre Rückkehr sichern. Die Adepten versprachen sich durch die Einweihung in dieses Wissen ein besseres Leben nach dem Tod – denn sie sind dem Tod bereits begegnet und haben zugleich den Granatapfel-Samen, als Symbol des Lebens gefunden.



Neuntägige Mysterienspiele

Während der Teletai genannten Kultzeit, führte eine große Prozession mit bis zu 3000 Menschen entlang einer heiligen Straße von der Akropolis bis zu Demeters Tempel in Eleusis. Die Prozession, die Reinigungsrituale und der große Einweihungsritus erstreckten sich über neun Tage und wurden im Hochsommer gefeiert. Opfer und Inszenierungen des Demeter-Mythos begleitet die mehrtägige Prozession.


Zum Auftakt wurden die heiligen Gegenstande aus dem Tempel in Eleusis zum Eleusinion am Fuße der Akropolis in Athen gebracht. Die Adepten unterzogen sich Reinigungsritualen im Meer, ein Schwein wurde geopfert und danach startete die Prozession in Kerameikos, dem Athener Friedhof, Richtung Eleusis. Hinter den Priestern, die Bildnisse des Gottes Dionysos huldigten, zog die Bevölkerung her. Die heilige Straße war in mehrere Abschnitte, die Bakchoi, geteilt.


In Erinnerung an die Göttin Iambe, die Demeter in ihrer Trauer zum Lachen bracht, wurden lauthals Obszönitäten gerufen. Eine komplexe Referenz an die Sexualität der Göttin, denn die Göttin erschien mit gespreizten Schamlippen und lautem Gelächter. Es bedeutet aber auch, dass eine „ver-rückte“ Zeit ausbrach, einem Karneval gleich, an dem die sozialen Regeln nicht wie im Alltag gelten.


Wenn die Prozession, die PriesterInnen und Einzuweihenden Eleusis erreichten, entspann sich ein Ritus, der Demeters Mythos folgt. Nach einem Tag des Fastens wird das Kykeon genossen, ein Getränk, das wahrscheinlich Mutterkorn enthalten hat, das LSD ähnliche Wirkung hat und der Visionssuche diente. Oder Mohn, eine Blume, mit der Demeter oft abgebildet ist.


Die eigentliche Einweihung fand im Telesterion, der großen Halle statt. Im innersten Palast, dem Anaktoron, bekamen die Mysten die Kultgegenstände der Demeter gezeigt und die Priesterinnen berichteten ihnen von ihrer nächtlichen Visionen. Auf den Verrat der heiligen Visionen und Riten im Telesterion stand die Todesstrafe.


Abends wurde die heilige Offenbarung der Demeter ausgelassen gefeiert. Die ganz Nacht lang wurde gegessen, gefeiert und getanzt. Die geweihten jungen Männer tanzten in Frauenkleidern auf den Feldern. Um diese fruchtbar zu machen wurde ein Stier geopfert. Am Tag danach ehrten die Eingeweihten den Tod durch ein Trankopfer, bevor alle heimkehrten.

Archäologen vermuten, dass die eleusinischen Mysterien seit der mykenischen Zeit, also etwa ab 1500 v.Ch. gefeiert wurden. Später entwickelten sie sich zu einem panhellenischen Fest, an dem Menschen aus ganz Griechenland, Männer, Frauen und selbst Sklaven, teilnahmen. Einzige Bedingung war, dass sie keinen Mord begangen haben. Sokrates, Platon, Aristoteles , Sophokles, Plutarch und Cicero haben zu den Eingeweihten gezählt. Selbst die römischen Kaiser ließen sich in Eleusis weihen. Der letzte in Eleusis geweihte römische Kaiser war Julian im Jahr 392.


Demeter flüstert: Ich bin die Große Mutter, die dreifaltige Göttin. Ich schenke Euch Leben, Fülle, Freude und Fruchtbarkeit. Und ich bin Eure Fackel, wenn Ihr die tiefen Abgründe durchwandert. Ich bin alles und alles ist mir heilig.

Ausflugstipp: Eleusis (Elefsina) liegt 19 Kilometer von Athen entfernt und die Ausgrabungen des alten Tempels können besichtigt werden.


Mehr lesen:

http://www.visitgreece.gr/en/greeceonthespotlight/elefsina_to_be_the_european_capital_of_culture_in_2021


Eine animierter Film über die heilige Straße von der Akropolis nach Elefsina, produziert vom Akropolis Museum anlässlich einer Ausstellung über die Eleusinischen Mysterien 2018.

https://www.youtube.com/watch?v=iaprpVwW-QU