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  • Sigi Weiss

Hymne an Hygeia – Göttin der Gesundheit

Hygiene ist eines der Zauberworte in dieser verwirrenden Zeit der Corona-Krise. Deswegen erzählt dieser Blog von der Namensgeberin, der göttlichen Heilerin Hygeia (Igia, ausgesprochen). Dass die alten GriechInnen viel Wissen um die Medizin hatten, ist bekannt. Schließlich ist der hippokratische Eid, den ÄrztInnen über Jahrhunderte unverändert geschworen haben, ein geflügeltes Wort. Und dieser richtet sich auch an Hygeia und ihre Schwester.

„Ich schwöre bei Apollon, dem Arzt, und Asklepios, Hygeia, Panakeia, sowie alle Götter und Göttinnen als Zeugen anrufend …“

Der hippokratische Eid beginnt also mit dem Sonnengott Apollon, der im olympischen Götterkanon als erster göttlicher Heiler gilt. Wobei die Mythen eigentlich öfter davon erzählen, dass seine Zwillingsschwester Artemis, die Jägerin, Herrin der Tiere und Mondgöttin, die erste Hebamme war, die ihrem Bruder Apollon auf die Welt half.

Weiter geht es in der Anrufung mit Asklepios, der archaischen Gott der Heilkunst, Sohn des Sonnengottes Apollon und einer sterblichen Fürstentochter. Wegen der üblichen Liebeswirre musste Asklepios mit einem Kaiserschnitt zur Welt gebracht werden. Zuerst ein Verstoßener der Götterwelt wurde er vom hochgeschätzten Kentauren Cheiron, halb Mensch, halb Pferd, in die Heilkunst eingeweiht.


Asklepios , der griechische Gott der Heilkunst, hat uns den Äskulapstab hinterlassen, um den sich die Schlangen hochwinden, und der bis heute das Zeichen der Ärzteschaft ist.

Weniger bekannt aber sind Hygeia und Panakeia, seine heilkundigen Töchter, die in den vergangenen Jahrhunderten in Vergessenheit gerieten. Doch diese Göttinnen der Heilkunde wollen wir aus aktuellem Anlass vor den Vorhang bitten. Denn in den Tempeln der Heilkunde, in denen Asklepios wirkte, war auch Hygeia immer anwesend!


Hygeia nährt die Schlange

Hygeia ist eine Göttin der Gesundheit und gilt auch heute noch als Schutzpatronin der ApothekerInnen. Ihre Schwester Panakeia ist die Göttin der Medizin, Zauberei und Kräuterheilkunde.


Hygeia füttert ihre Schlange

Hygeia war ursprünglich wohl eine eigenständige Gottheit und die ältesten Erzählungsstränge verweisen auf das minoische Kreta. Später wird sie in der Mythologie als die strahlende Tochter des Heilgottes Asklepios geführt. Sie soll ihrem Vater in den Beruf der Ärztin und Heilerin nachgefolgt sein. Hygieia hatte noch einige weitere Schwestern, Akeso und Iaso, sowie zwei Brüder, Podaleirios und Machaon. Alle waren in der Medizin tätig, Hygieia aber setzte sich in der Gunst der Menschen gegen die Geschwister durch. Der Kult der Hygieia ging wahrscheinlich von Epidauros aus und verbreitete sich, als das Orakle von Delphi sie anerkannte. Weitere Stätten der Verehrung waren auf Kos, in Korinth und Pergamon. Auch in Athen wurde sie verehrt , wie eine Statue von Athena, der Göttin der Weisheit und Hygeia am Eingang der Akropolis beweist.

Hygeia - Göttin eines gesunden Lebens

Meist wird Hygieia mit einer aus einer Schale trinkenden Schlange oder mit einem Füllhorn voller Früchte dargestellt. Das Füllhorn mit frischen Früchten verweist auf ihre Kenntnisse einer gesunden Diät. Doch der Begriff dietos bezog sich im antiken Griechenland nicht nur auf die Ernährung, sondern auf eine Reihe guter Lebensgewohnheiten.

Diese reichten von Sauberkeit und Körperpflege (daher kommt unser Wort Hygiene), über heilsame Bäder und Massagen, der Kenntnis von Heilkräutern und visionären Pflanzen wie Opium, bis hin zu Bewegung und geistigen-spirituellen Ursachen von Krankheiten. Auch guter Schlaf, Ekstase und Sexualität galten als wichtige Beiträge zur menschlichen Gesundheit.


Hygeia war also jene Göttin, die die Gesundheit erhalten sollte – durch eine weise Lebensführung und die liebevolle Pflege des Körpers!

Hygeia wacht über die Behandlung des Asklepios

Asklepion – Heiltempel der Antike

Diese gesamtheitliche Sicht auf Gesundheit und Krankheit zeigt sich auch in den Heilstätten des antiken Griechenland. Das Asklepion auf der Insel Kos, das der dort geborene Arzt Hippokrates gründete, verband einen Tempel für Apollon mit Bädern, aus heilkräftigen Quellen gespeist, und Wohn- und Behandlungsräumen für Gäste aus der gesamten antiken Welt. Warme Steinplatten, hohe Säulen, mehrstöckige lichtdurchflutete Gebäude in einer reizenden Landschaft am Meer trugen zur Erholung bei. Ein Theater, eine Bibliothek und ein Gymnasium für sportliche Betätigung und Wettbewerbe ergänzten die therapeutischen Einrichtungen. Auch in Epidauros am Peloponnes kann man eine dieser wunderbaren Einrichtungen betrachten.


Hier standen eine gesunde Lebensführung, Heilkunde und die spirituellen und kulturellen Bedürfnisse der Menschen im Fokus. In der Therapie wurden Bäderkuren, Entspannungskuren, aber auch operative oder medikamentöse Verfahren angewendet. Als ein Teil der Therapie galten stets auch kulturelle Angebote.


Wächterin über den Tempelschlaf

Die geheimnisvollste Begabung der Göttin Hygeia lag in ihrem Beistand beim Tempelschlaf, der in den Heil-Tempeln des Asklepios stattfanden. Von Hygeia wurde während diese tiefen Schlafes Heilung erhofft – und wenn nicht Heilung, so dann doch einen Traum, der die richtige Behandlung offenbarte. Diese wurde in einem Gespräch mit den TempelpriesterInnen erarbeitet.

Das Pentagramm der Hygeia

Wer das Asklepeion besuchte, reinigte sich in den Bädern und Brunnenhäusern und unterzog sich einer reinigenden Diät. Dann entrichteten die BesucherInnen ein Opfer für Apollon. Frauen richteten dieses Opfer gerne an Hygeia, die im Besonderen auch für die Frauengesundheit und Schwangerschaften zuständig war. Ihre Stauen wurden als Opfergabe mit den eigenen Haaren der Frauen und Kleidern in babylonischen Stil geschmückt.

Danach begaben sich die Erkrankten zum Tempelschlaf im Abaton, um im Traum durch Hygeia selbst zu erfahren, welche Heilmethode die richtige sei. Das Abaton war ein großer, rechteckiger, unterirdischer Raum und eines der ältesten Gebäudeteile im heiligen Bezirk aus dem 6. Jh. vor Christus. Das später errichtete Abaton war ein großes Gebäude mit 70 Meter Seitenlänge. Auch dies unterstreicht seine Bedeutung. Das Ziel des Tempelschlafes, der möglicherweise von einem Schlaftrunk vertieft wurde, war es, eine göttliche Vision zur Heilung zu erlangen.


Nach der Vision während des Tempelschlafes wurde dies in einem Gespräch mit den PriesterInnen gedeutet. Man kann sich gut vorstellen, dass diese Gespräche psychotherapeutische Wirkung hatten. Aus diesem heiligen Schlaf entwickelten sich auch erste Hypnosetechniken.

Orphische Hymne an Hygeia

“Charming queen of all, lovely and blooming, blessed Hygeia, mother of all, bringer of bliss, hear me. Through you vanish the illnesses that afflict man, through you every house blossoms to the fullness of joy. The arts thrive when the world desires you, O queen, loathed by Hades, the destroyer of souls. Apart from you all is without profit for men: wealth, the sweet giver of abundance for those who feast, fails, and man never reaches the many pains of old age. Goddess, come, ever-helpful to the initiates, keep away the evil, distress of unbearable diseases.”

Hinweise auf den Tempelschlaf gibt es schon im jungsteinzeitlichen Malta, wo eine schlafende Göttin im unterirdischen Tempel, dem Hypogäum von Hal-Saflieni gefunden wurde. Die Figur der Schlafenden ist auf 4000 - 2500 v. Ch. datiert. Der Tempelschlaf wurde, wie Keilschrifttexte belegen, schon im 4. Jahrtausend v. Chr. von den Sumerern für therapeutische Zwecke eingesetzt und war insbesondere von großer Bedeutung für die ägyptische Heilkunst. Der mehr als 3000 Jahre alte Papyrus Ebers beschreibt die Methoden, wie man den heilenden hypnotischen Tiefschlaf einsetzen und herbeiführen konnte. Der Kranke wurde dazu in einen tiefen Schlaf versetzt, in dem seine Hellsichtigkeit erwachte.


Die zwei Brüste der Rhea

Aus der griechischen Mythologie lassen sich oft die Brüche zwischen den alten matriarchalen Gesellschaftsformen und Göttinnen und den späteren Umbruch zu männlich geprägten Gesellschaftsstrukturen herauslesen. In den Mythen geht dies oft mit Vergewaltigungen, erzwungenen Hochzeiten oder der Einordnung einst unabhängiger Göttinnen als Töchter oder Ehefrauen einher. In diesem log versuche ich gerne, die ältesten Göttinnenbilder zu finden, die dem weiblichen Verständnis der kosmischen und weltlichen Ordnung entsprechen.


Schon die Schlangen, mit denen Asklepios und Hygeia dargestellt werden, verweisen auf das Alter beider Gottheiten. Während das Symbol des Äskulapstabes, den sich die Schlange hinaufwindet eine deutlich männliche Botschaft enthält, zeigt sich Hygeia mit einer Schlange und einer Schale, aus der sie die Schlange füttert. Sie verkörpert also auch das nährende Element einer weiblichen Göttin, und ist im Besitz der Schale, des Kelches, eines uralten weiblichen Symbols für die Gebärmutter und die lebenspendenden Kraft der Frauen.

Auch Asklepios ist mit dieser alten Kultur verbunden, wie schon seine komplizierte Geburt und Erziehung andeuten. Denn er wurde vom Kentauren Cheiron erzogen und zum Heiler ausgebildet. Und dieser wieder führt uns zurück zur großen kretischen Erdmutter Rhea, denn er ist ein Sohn ihres Gatten Kronos. Um nicht von seiner Gattin Rhea entdeckt zu werden, soll Kronos den Kentauren in der Gestalt eines Pferdes mit Philyra gezeugt haben. Cheiron ist also ein Wesen halb Mensch, halb Pferd.


Zur matriarchalen, minoischen Göttin Rhea führt auch folgende Überlieferung. Hygieia wurde dort gemeinsam mit der Göttin Rhea Koronis verehrt. Sie ist jedoch in einer ganz besonderen Beziehung zur riesenhaften Bergmutter der Großen Göttin der Minoer: sie ist eine ihrer beiden Brüste, die andere ist ihre Schwester Panakeia, die Göttin der Heilung und Zauberei. Die Brüste spenden heilkräftige Milch. Dies zeigt neben den heilenden auch den nährenden Aspekt der beiden göttlichen Schwestern.




Das Labyrinth der Schlangen

Eines der geheimnisvollsten Gebäude in Epidauros ist der Tholos. Er war dem Heilgott Asklepios geweiht, sein Tempel steht genau gegenüber, und ist vermutlich auch seine symbolische Grabstätte. Denn Asklepios wurde erst nach seinem Tod in die Reihe der Götter aufgenommen.


Die Krypta der Tholos weist eine Besonderheit auf: Unter dem eigentlichen Gebäude befindet sich ein Labyrinth. Obwohl nicht ganz klar ist, ob es jemals betreten werden konnte, weist ein Opferplatz in der Mitte darauf hin. Man nimmt auch an, dass die heiligen Schlangen des Asklepios dort lebten. Und auch das Labyrinth verweist auf die alten Einweihungsriten im minoischen Knossos zurück.


Öffentliche Gesundheit

Die Architektur der bronzezeitlichen minoischen Hochkultur ( 2600 - 1450 v. Ch.) maß der öffentliche Hygiene hohe Bedeutung zu. Aquädukte brachten frisches Wasser in die ersten Städte der frühen Hochkultur Kretas. Bäder, Abwasserrohre und öffentliche Brunnen sorgten genauso wie gut belüftete Räume für Sauberkeit und Gesundheit im öffentlichen Raum- Den Thronraum der Königin schmückte auch ein in den Boden eingelassenes Bad. Genauso gab es kühle Vorratsräume für die Gemeinschaft, so dass diese gut ernährt war.


Das Verständnis von Gesundheit war also schon in dieser vorgriechischen, matriarchalen Hochkultur nicht nur magisch-religiös, sondern von Einsichten in einen gesunden Lebensstil geprägt.


Deshalb ist die griechische Göttin Hygeia auch heute noch ein Wegweiser, sich selbst so viel Liebe und Wertschätzung zu erweisen, um den Körper durch gute Lebensgewohnheiten zu pflegen.

Hygeia flüstert: Ehrt Euren Körper, denn er ist Euer Tempel. Nährt in gut, pflegt ihn gut, bewegt ihn, tanzt, liebt und schlaft! Ich bin in jedem Akt verkörpert, der eurem Körper Liebe und Wertschätzung erweist!

Wollt Ihr die Hymne an Hygeia hören?


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Über mich

Ich bin Journalistin, Ethnologin, Kitesurferin und Reisende. Verliebt in Griechenland, seine Häuser, Menschen und Kultur. Immer auf den Spuren der antiken Göttinnen, auf der Suche nach Wind und einer kleinen Taverne am Strand. Und einer Sehnsucht nach dem Meer im Herzen. 

 

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